Der höchste Feiertag im jüdischen Kalender ist Jom Kippur, der Versöhnungstag. Es geht um die Versöhnung mit Gott, die nur möglich ist, wenn man sich vorher mit allen Menschen aussöhnt. So dienen die zehn Tage vor Jom Kippur dazu, auf die Menschen zuzugehen, mit denen man im Streit ist oder denen man Unrecht getan hat. Gläubige Juden und Jüdinnen nehmen diese Tage sehr ernst. Sie verzeihen und entschuldigen sich, sie bemühen sich, ihre Fehler wieder gut zu machen.

Wenn Menschen über ihren Schatten springen und Versöhnung gelingt, ist das ein Geschenk! Dieses Geschenk, das Gott bereithält, gilt es zu würdigen. Es ist ein schwerer Weg, denn die Menschen sind aufgefordert sich selbst und ihre Fehler anzuschauen und alles was von der Betrachtung des eigenen Gewissens ablenkt soll 25 Stunden unterlassen werden. Juden und Jüdinnen essen und trinken dann nicht, haben keinen Sex und die Männer verzichten auf ihre Rasur, Frauen auf das Schminken. Auch Parfum ist an diesem Tag ein Tabu. Fernseher und Radio bleiben stumm. Nichts möge ablenken, sondern alle Sinne sollen auf die "Seelenschau" gerichtet werden, damit Versöhnung möglich wird.

Orthodoxe Juden sind fast einen ganzen Tag in der Synagoge, fernab von allem weltlichen Geschehen. Dieses Jahr beginnt Jom Kippur am Dienstagabend des 4. Oktobers.

Ich bin keine Jüdin, lasse mich aber gerne von dem Gedanken anregen, dass Gott Versöhnung stiftet, wo ich auf Menschen zugehe, über meinen Schatten springe, mich entschuldige. Letztendlich kann ein neues Miteinander erwachsen, wo Menschen sich verletzlich zeigen und um Verzeihung bitten. Ich war einmal Zeugin, als eine Mutter auf dem Sterbebett Versöhnung erlebte, weil sie und ihr Sohn - nach Jahren ohne Kontakt - sich ausgesprochen haben. Aus dem Gespräch folgte die gegenseitige Bitte um Verzeihung. Der tiefe Friede, der an diesem Bett einkehrte, machte mir eine Gänsehaut.

Sehr eingesetzt für die Versöhnung zwischen Juden und Christen hat sich Ruth Lapide, die am 30. August 2022 im 93. Lebensjahr verstorben ist. Die jüdische Religionswissenschaftlerin wurde in Deutschland geboren, floh vor den Nazis nach Palästina und kam in den 70er Jahren wieder nach Deutschland zurück. Ihre Mission: Hass verhindern durch Versöhnung.

Wege von Vergebung und Versöhnung einzuschlagen ist schwer. Da wo es gelingt,  kommen Menschen zur Ruhe und erleben einen inneren Frieden. Daraus kann auch eine neue Qualität in der Gottesbeziehung erwachsen.

Ich wünsche unseren jüdischen Mitarbeitenden und Geschwistern "Gmar Chatima Towa" und ein besinnliches, friedliches und unbeschwertes Jom Kippur!

Pastorin Corinna Schmidt, Seelsorgerin im Albertinen Krankenhaus in Hamburg-Schnelsen

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