Erntedank. Umzüge und Volksfeste locken den Städter auf das Land. Feiern und gute Laune sind angesagt. Ein Fest für die ganze Familie. Endlich mal raus und an was anderes denken.

Erntedank. Ein Dach über dem Kopf, so viel zu essen, dass ich satt bin. Ein Auskommen. Frieden. Angstfreies Leben, das nicht getrieben ist von der Sorge, was soll ich essen und wo soll ich am Abend schlafen. Gute medizinische Versorgung. Bildungsmöglichkeiten bis ins hohe Alter. Wer so ein Leben hat, hat allen Grund, dankbar zu sein. Wer dankbar ist, weiß: Es könnte auch alles ganz anders sein.

Erntedank. Dankbar bin ich für die Menschen an meiner Seite. Für die, die mir am Herzen liegen und die mir wohlwollend begegnen. Dankbar bin ich, weil jeden Tag die Sonne aufgeht und der Kirschbaum in meinem Garten jedes Jahr in einem herrlichen Weiß blüht. Es macht mich dankbar, einen Apfel in die Hand zu nehmen und mich an seinem Geschmack zu erfreuen. Dankbar bin ich, weil ich auf Wegen durch schöne Wälder gehen kann und dann und wann auch im Meer schwimme. Ich danke auch für manches kritische Wort, das mir Neues eröffnet, und für die eine oder andere herausfordernde Begegnung. Gott, dir danke ich dafür.

Dankbar zu sein ist eine Lebenshaltung. Weil sie die Erkenntnis zur Grundlage hat, dass ich ja gar nichts dafür kann, dass es mir so geht, wie es mir geht, und ich nicht ein paar Breiten- oder Längengrade östlich oder südlich geboren bin.

Und zugleich regt sich da ein Unbehagen. Denn längst nicht alles ist gut in unserem Leben. Noch längst sind nicht alle Menschen auf dieser Erde satt. Und der Regen, für den wir danken, ertränkt auch an anderer Stelle Leben und Hoffnungen von Menschen. Klimawandel, Pandemie und Krieg treiben uns um. Durch den Konsum der modernen Gesellschaft provoziert, schwenkt manch einer um: Es gibt junge Menschen, die aus Überzeugung ihre Lebensmittel aus den Mülleimern der großen Supermärkte nach Hause schaffen. Illegal, das ist ihnen bewusst. In den Fürbitten bringen wir unsere Sorgen um diese Welt vor Gott. Wir klagen ihm die Missstände und legen ihm die Verhungernden ans Herz. In vielen Tischgebeten reiht sich die Bitte für die, die nicht genug zum Leben haben, an Lob und Dank. Und weiter fragen wir vielleicht: Was können wir tun?

In der Bibel steht der Satz. „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“

Also ein letzter Gedanke noch zum fröhlichen Geber und der fröhlichen Geberin. Viele Forschungen zur Dankbarkeit kommen zu dem Schluss, dass Dankbarkeit von allen persönlichen Eigenschaften am engsten mit seelischer Gesundheit verbunden ist. Auch deshalb ist Erntedank im wörtlichen wie im übertragenen Sinne wichtig und gesund für uns. Als dankbare Menschen sind wir zufriedener mit unserem Leben und mit unseren Beziehungen, können wir besser mit Stress umgehen und beugen Depressionen in Umbruchphasen und unsicheren Zeiten vor. Dankbare Menschen haben ein besseres Selbstwertgefühl und erleben einen tieferen Lebenssinn. Vermutlich ahnte Paulus das, als er in seinem Brief an die Christen in Korinth vom „fröhlichen Geber“ sprach. Was uns reicher und fröhlicher macht, hat dann viel damit zu tun, was wir gerne abgeben um anderen in Not zu helfen. Auch Erntedank 2022 erinnert uns, dass wir im tiefsten Grund von der Wertschätzung Gottes leben und lädt uns ein, davon etwas weiterzugeben.

Lutz Bratfisch, Diakon und Seelsorger im Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg und der Immanuel Klinik Märkische Schweiz

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