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Was bedeutet es, Menschen am Lebensende zu begleiten – und warum engagieren sich Menschen ehrenamtlich dafür? In der Sendung „Natürlich gesund“ von Radio Paradiso vom 15. September geben Mitarbeitende und ehrenamtliche Sterbebegleitende des Diakonie Hospizes Wannsee Einblicke in die ambulante Hospizarbeit: Sie erzählen, für wen das Angebot gedacht ist, wie eine Begleitung zustande kommt und was es bedeutet, schwerkranke und sterbende Menschen zu Hause, im Pflegeheim oder auf einer Palliativstation zu begleiten.

Dabei geht es vor allem um persönliche Begegnungen. Dietrich Werner berichtet etwa von einer schwer erkrankten Frau, die kaum noch sprechen konnte – und mit der er stattdessen eine Stunde lang malte. Ihr Lächeln ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben. Für ihn zeigt diese Begegnung, was „Leben bis zuletzt“ bedeuten kann.

Louisa Zerbel begleitet bereits seit 17 Jahren schwerkranke und sterbende Menschen. Über ihr Ehrenamt sagt sie: „Es ist eine beglückende Arbeit.“ In der Sendung erzählen die Sterbebegleitenden auch davon, was diese Aufgabe mit ihnen selbst macht und wie sie den eigenen Blick auf das Leben verändert.

Anlässlich von 30 Jahren ambulantem Hospizdienst spricht Moderatorin Julia Nogli mit Silvana Schumacher, Leiterin und Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes, Koordinator Marc Sieweke sowie den ehrenamtlichen Sterbebegleitenden Louisa Zerbel und Dietrich Werner über Nähe, Menschenwürde und die Frage, was Menschen am Lebensende wirklich guttut.

30 Jahre ambulantes Hospiz

In der Sendung „Natürlich gesund“ blickt Moderatorin Julia Nogli mit ihren Gästen aus dem Diakonie Hospiz Wannsee auf 30 Jahre ambulante Hospizarbeit. Dabei kommen neben den Mitarbeitenden vom ambulanten Hospizdienst Silvana Schumacher und Marc Sieweke auch zwei Sterbegleitende zu Wort. Sie erzählen von ihrer Motivation und ihren Erfahrungen.

Julia Nogli:

Radio Paradiso mit der Sendung Natürlich gesund. Mein Name ist Julia Nogli und ich habe heute mal einen ganzen Schwung an Gästen hier im Studio. Silvana Schumacher, Leiterin und Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes vom Diakonie Hospiz Wannsee und Marc Sieweke, ebenfalls Koordinator dort.

Und dann auch zwei ehrenamtliche Sterbebegleiter. Das sind Dietrich Werner und Louisa Zerbel. Hallo, ich grüße Sie alle.

Hallo, guten Tag.

Dietrich Werner:

Hallo, schönen guten Abend.                                                                     

Julia Nogli:

Ja, anders ist so ein bisschen in diesem Jahr 30 Jahre ambulanter Hospizdienst. Ja, wie ist denn überhaupt diese Idee entstanden, ein ambulantes Hospiz anzubieten? Ein stationäres kennt man ja.

Aber wie kam es zu dieser Idee?

Silvana Schumacher:

Ja, da hole ich mal ein bisschen weiter aus. Wissen Sie, ganz früher war das ja so, dass mehrere Generationen unter einem Dach zusammenlebten. Das heißt, da waren sterbende Menschen im Kreise der Familie umgeben von Leben.

Und auch das Sterben war Sicherheit in Geborgenheit. Das war selbstverständlich. Heute ist es ein Tabuthema.

Heute leben wir ja nicht mehr mit vielen Generationen unter einem Dach. Die Kinder ziehen irgendwann aus oder sind beruflich auch so eingebunden und können sich gar nicht um die kranken, alten, sterbenden Familienangehörigen kümmern. Das ist halt wirklich ein Tabuthema geworden.

Man man spricht auch nicht gern drüber. Man hat Angst davor. Es wird halt ausgeblendet.

Ja, Sterben geschieht heute eigentlich überwiegend im Krankenhaus. Menschen, wenn sie schwer krank sind, wenn sie noch ein Leiden dazu haben, gehen überwiegend ins Krankenhaus und werden dort versorgt. Sie werden halt medizinisch und pflegerisch grundversorgt.

Und es ist heute ja auch schon möglich, vieles in der Ambulanz zu machen, also auch in der Häuslichkeit. Es gibt Hauskrankenpflegenden, die nach Hause kommen, auch Spezialisierte für onkologische Patienten. Aber das ist ja eine Grundversorgung.

Es braucht ja noch mehr Menschen, die am Ende des Lebens sind, haben ja, die haben Ängste. Die müssen ihr ganzes Leben hinter sich lassen, gehen ins Ungewisse, sterben und Tod macht vielen Angst. Und da braucht es halt eine besondere Begleitung.

Und da kam halt die Idee von ambulanten Hospizdiensten, dass man Menschen, ehrenamtliche Menschen ausbildet, die sterbende Menschen begleiten, sie besuchen.

Julia Nogli:

Dort zu Hause praktisch. Und ja, wie lange gibt es jetzt dieses ambulante Hospiz schon?

Silvana Schumacher:

Also das Diakonie Hospiz Wannsee wurde vor 30 Jahren gegründet und zwar vom Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf und der evangelisch-freikirchlichen Diakonie-Gemeinschaft Bethel. Das war ursprünglich als ambulantes Hospizdienst gedacht oder ins Leben gerufen, 1996 gegründet und sechs Jahre später entstand dann daraus auch noch das stationäre Hospiz. Ach so, das ambulante gab es sogar zuerst.

Ja, wir sind die ältere Schwester.

Julia Nogli:

Ja, Herr Sieweke, für wen und welche Situation ist denn das ambulante Hospiz geeignet? Denn es gibt ja natürlich auch ein stationäres Hospiz.

Marc Sieweke:

Also der ambulante Hospizdienst begleitet Menschen zum einen in der Häuslichkeit, aber auch in Pflegeheimen, auf Palliativstationen. Und es ist immer dann passend und unterstützend, wenn eben Menschen zum Beispiel zu Hause bleiben möchten, weil man ein Netz strickt quasi mit einem ambulanten Pflegedienst, mit Palliativärzten und da können unsere Ehrenamtlichen dann eine ergänzende Unterstützung sein. Wir sagen immer auch im psychosozialen Bereich eine Unterstützung für den Menschen, der schwer erkrankt ist, aber auch für die An- und Zugehörigen.

Das ist uns ganz wichtig. Es geht darum, auf eine andere Art ausgedrückt, das ganze System zu unterstützen. Für viele Menschen ist es ganz wichtig, zu Hause zu bleiben.

Und oberstes Ziel ist einfach, zu ermöglichen, dass jemand auch zu Hause bleiben kann. Und da haben wir einfach die Erfahrung, dass oft die Ehrenamtlichen nochmal einen zusätzlichen Aspekt mit reinbringen können. Sie bringen ihre Zeit mit und können damit ermöglichen, dass die Menschen zu Hause bleiben können.

Julia Nogli:

Da will ich dann auch direkt gleich darauf, Louisa Zerbel sind auch hier bei mir. Wie sind Sie denn dazu gekommen, diese Tätigkeit zu machen?

Louisa Zerbel:

Meine beiden Eltern wurden von mir und meinen Geschwistern begleitet in den Tod zu Hause. Und das war ein sehr tiefgreifendes Erlebnis und hat mich damals so sehr bewegt, dass ich dachte, das möchte ich anderen Menschen auch ermöglichen, zu Hause sterben zu können, so gut es in meinen Kräften steht, sie zu begleiten dabei. Und das hat, nachdem ich aufgehört habe zu arbeiten, dazu geführt, dass ich an einem Vorbereitungskurs für diese Tätigkeit teilgenommen habe.

Der Vorbereitungskurs ging zu meiner Zeit noch ein Jahr mit monatlichen Treffen und zwei Kompaktwochenenden und vielen unterschiedlichen Themen mit Rollenspielen, ja, vielfältige Vorbereitungen auf die Begegnung mit sterbenden Menschen und ihren Angehörigen. Die Auseinandersetzung und die Hilfe für die Angehörigen war besonders wichtig.

Julia Nogli:

Wir wollen gleich noch mehr zu den Erfahrungen hören. Herr Werner, ich will Sie auch gerne hören. Sie machen das vermutlich auch schon eine ganze Weile.

Wie ist das denn immer so? Wann erfahren Sie, wo gehe ich hin? Suchen Sie das selber aus oder wie sind Ihre Erfahrungen so?

Und wie lange machen Sie das schon?

Dietrich Werner:

Ja, ich mache das ungefähr jetzt zwei Jahre. Aber ich habe schon etwas längere Erfahrung auch in der Begleitung mit Menschen, die Schmerzen und Krankheit durch Schmerzen und Krankheit gekennzeichnet sind. Das ist so ähnlich wie bei Louisa.

Ich habe meine beiden Eltern über längere Zeit in einem Pflegeheim begleitet, bevor sie gestorben und von uns gegangen sind. Dann ist ein naher Familienangehöriger im Hospiz Wannsee, also in der stationären Einrichtung, begleitet worden. Und da habe ich zum ersten Mal die direkte Arbeit eines Hospizes kennengelernt, war extrem beeindruckt davon, sodass ich dann beschlossen habe, in der Zeit meines Ruhestandes, ich brauche einfach und mache gerne ehrenamtliche Arbeit.

Ich habe ja auch im seelsorgerlichen Bereich vorher schon länger mal gearbeitet. Und dann habe ich auch diese Ausbildung gemacht, die sehr spannend war und viel Motivation erzeugt hat. Einführung in die Fragen der Palliativmedizin, der Seelsorge, der Auseinandersetzung mit dem Verständnis von Schmerzen, also Total Pain haben wir da viel darüber diskutiert, also Schmerz in seinen unterschiedlichen Dimensionen wahrzunehmen, auch in den psychischen, in den spirituellen Dimensionen.

Und seither mache ich diese Tätigkeit vor allen Dingen in einer Palliativstation, also einer festen Einrichtung. Ich gehe weniger in die Häuslichkeit, sondern ich gehe ein-, zweimal die Woche für jeweils zwei bis drei Stunden auf die Station und besuche dann circa zehn, circa zwölf Gäste oder Patienten und auch ihre Angehörigen. Das ist jedes Mal anders.

Wenn ich vor einer Tür stehe, dann ist das so, dass ich mich immer auch sehr innerlich vorbereiten muss und ich muss mich richtig konzentrieren. Denn dies ist ein einmaliger und manchmal auch nur sehr kurzer Moment, dass ich Menschen in einer schweren Leidenssituation erlebe und da Kontakt aufzubauen und Vertrauen aufzubauen und zu gucken, was tut jeweils gut. Ich komme immer mit dem Angebot.

Ich bin Teil des ehrenamtlichen Dienstes vom Hospiz und kann nicht in irgendetwas Gutes tun. Wir haben so das Ritual, dass wir einen kleinen Wagen haben, wo Kaffee und Kuchen und kleine Dinge zum sich freuen draufstehen. Das ist so ein erstes Kontaktangebot.

Und dann guckt man, entwickelt sich ein Gespräch oder entwickelt sich kein Gespräch. Da ist viel davon abhängig, dass man mit viel Fingerspitzengefühl und Sensitivität in solch einen Raum reingeht. Dann man begegnet immer einem ganzen Kosmos von Beziehungen und Lebensgeschichte und Konflikt und Schmerzensgeschichte.

Manchmal sind Angehörige dabei, manchmal sind keine Angehörigen dabei und man muss sich einstellen auf das, was jeweils kommt. Und meine Devise ist immer die Regie führt mein Gegenüber. Nicht ich gebe das Thema an, sondern es ist eigentlich sind die Bedürfnisse des jeweiligen Menschen, der vor mir ist, entweder die Angehörigen oder der Patient, die Patientin, die den Ton angeben, die Musik spielen und die sozusagen sagen, worum es geht.

Und es ist auch sehr interessant für mich, dass es nicht nur um das Reden geht, sondern manchmal begegnet man eben in solchen Situationen auch Menschen, die nicht mehr reden können. Ich erinnere mich an eine Patientin, die war halbseitig gelähmt durch einen Gehirnschlag und infolge eines Tumors. Und mit der habe ich dann eine ganze Stunde lang nur gemalt, weil es plötzlich mir deutlich wurde, dass sie eine Ausdrucksfähigkeit im Zeichnen und dem Malen hatte, die ihr viel bedeutet hat.

Und ich werde nie dieses glückliche Lächeln und das Strahlen auf ihrem Gesicht vergessen, weil man hat eigentlich entdeckt, da gibt es noch Dimensionen des Lebens, die eine Rolle spielen können, die jemanden glücklich machen. Leben bis zuletzt ist ja eine der wichtigsten Devisen in der Hospizarbeit und das erfahre ich immer wieder. Deswegen ist es eine sehr erfüllende Tätigkeit und man ist dankbar, wenn man wieder rausgeht aus einem Zimmer, sehr häufig.

Was nicht bedeutet, dass man manchmal auch einfach deutlich Signale bekommt, ich kann jetzt nicht mehr, ich bin so erschöpft, ich brauche Ruhe. Und dann geht es darum, genau das zu artikulieren und das auch zu akzeptieren. Also ich mache diese Tätigkeit mit großer Leidenschaft und gerne und gehe selber eigentlich häufig als Beschenkter aus einem Zimmer wieder heraus.

Julia Nogli:

Herr Sieweke, erstens, Sie selber sind ja auch sicher tätig und würden da sicher vieles bestätigen von den Erfahrungen. Wie lange machen Sie das schon? Und dann auch meine Frage zum ambulanten Hospiz, wie erfahren denn die Menschen davon und wie wird das, Sie sind Koordinator, koordiniert, wo man jetzt hingeht?

Nachfrage wird ja vielleicht hoch sein.

Marc Sieweke:

Also ich bin jetzt seit zwei Jahren beim ambulanten Hospizdienst und die Menschen erfahren auf ganz unterschiedlichen Wegen von dem Angebot der ehrenamtlichen Begleitung. Zum einen haben wir Kooperationspartner, das sind spezialisierte ambulante Pflegedienste, die die Situation vor Ort gut einschätzen können und wissen, wenn es neben der medizinischen oder pflegerischen Begleitung auch eine ehrenamtliche Begleitung benötigt. Und dadurch wenden sich dann die Menschen an uns, wir rufen dann die Menschen an.

Menschen erfahren von uns über die Internetseite, sie erfahren von uns auch über Stände und bei Gelegenheiten, wo wir uns quasi präsentieren, unsere Arbeit vorstellen. Öffentlichkeitsarbeit ist auch ein ganz wichtiger Punkt unseres Dienstes. Und wenn der Kontakt mit den Menschen hergestellt ist, dann gehen meine Kollegen oder ich von den hauptamtlichen Mitarbeitenden dort vorbei in der Häuslichkeit oder im Pflegeheim, machen einen sogenannten Erstbesuch, lernen diesen Menschen und sein Umfeld kennen und überlegen dann, wer von unseren Ehrenamtlichen gut passen könnte.

Und das ist so ein ganz zentrales Element unserer Arbeit auch, eben ein Gespür für den Menschen zu bekommen, für die Situation zu bekommen. Und wir haben über 100 Ehrenamtliche und wir haben das große Glück, dass wir quasi eine ganze Bandbreite haben. Also Vielfalt ist uns wichtig.

Also wir begleiten alle Menschen, unabhängig von ihren Lebenskonzepten, von ihren religiösen Konzepten. Und wir haben eben auch Ehrenamtliche, die von Mitte 20 bis über 80 Jahre alt sind, die ganz unterschiedliche Hintergründe haben. Und da haben wir dann die Möglichkeit zu überlegen, wer könnte gut passen.

Und dann gehen wir im zweiten Schritt mit den Ehrenamtlichen zu einem zweiten Besuch, führen den Ehrenamtlichen quasi ein und bleiben dann im Hintergrund Ansprechpartner. Und die Ehrenamtlichen gestalten dann diese Besuche und diese Beziehung selber, so wie es für diejenigen das Richtige und das Passende ist. So und wie du so schön gesagt hast, Dietrich, diejenigen führen die Regie.

Das ist auch immer das, was wir den Ehrenamtlichen mitgeben und was die Ehrenamtlichen auch eine große Fähigkeit haben, einfach in Anführungsstrichen da zu sein und zu gucken, was steht heute an, was tut dem Menschen und dessen Umfeld heute gut.

Julia Nogli:

Frau Schumacher, wie oft besucht man dann die Menschen? Das kann man ja gar nicht so sagen, oder wie einmal die Woche?

Silvana Schumacher:

Genau, in der Regel ist der Besuch wirklich einmal in der Woche und wird dann aber immer vereinbart zwischen dem Ehrenamt, also der Ehrenamtliche und der Betroffene selbst, die vereinbaren die Termine. Ja, oder auch mit den Angehörigen. Also wir sind nicht nur für die Betroffenen, für die Schwerkranken und Sterbenden da, sondern auch für die Angehörigen.

Es ist ja häufig so, dass so in den Familien sich die Familienmitglieder schwer tun, miteinander zu sprechen, über dieses Thema Sterben, Tod, Abschied nehmen, weil jeder möchte den anderen schützen. Und da ist es eine Aufgabe auch des Ehrenamtes zu vermitteln.

Julia Nogli:

Okay, und auch an Sie die Frage, die ich den anderen auch noch stellen werde, Sie machen das ja sicher selbst auch, koordinieren nicht nur, sondern kennen diese Tätigkeit. Was macht es mit einem selbst so? Was nimmt man da so mit daraus?

Haben wir ja teilweise schon gehört.

Silvana Schumacher:

Ja gut, ich habe nochmal einen anderen Hintergrund. Ich bin ja Krankenschwester von Beruf und seit 35 Jahren jetzt auch in der Onkologie tätig. Ursprünglich wollte ich mal Kinderkrankenschwester werden, aber ich bin irgendwie da hängen geblieben in der Onkologie.

Und ja, es ist einfach meins. Das habe ich so im Laufe der Jahre immer wieder festgestellt. Das sind auch so die Situationen, die man hat, das Verhältnis mit den Patienten, mit den Angehörigen.

Das ist einfach anders. Ja, und was macht es mit einem? Natürlich, man hat wahrscheinlich eine andere Lebenssicht.

Weil man mit dem Tod zu tun hat. Weil man praktisch damit zu tun hat.

Julia Nogli:

Frau Zerbel, zu Hause heißt ja nicht unbedingt zu Hause in meiner Wohnung, sondern zu Hause kann dann auch im Pflegeheim sein. Da sind Sie auch im Einsatz, ja?

Louisa Zerbel:

Oh ja, und viele Zimmer in den Pflegeheimen sind auch wirklich mit den häuslichen Gegenständen bestückt und mit Familienfotos, mit Fernseher, mit Computer. Und die Menschen leben dort unterschiedlich lang. Ich besuche sie jeweils einmal in der Woche, wenn es stimmig ist.

Wenn jemand in der Sterbephase ist, komme ich sehr viel öfters. So wie ich es auch schaffe und immer wieder, wie es gewünscht wird.

Julia Nogli:

Jetzt darf ich mal fragen, Sie sind ja schon etwas älter auch, ne?

Louisa Zerbel:

Ich bin 82 Jahre. Ich mache das seit 17 Jahren.

Julia Nogli:

Also Sie haben wirklich viel Erfahrung. Ich habe so ein bisschen rausgehört, da ist immer auch ein bisschen Psychologie dabei. Sie sind schon auch ein bisschen therapeutisch, alle tätig.

Louisa Zerbel:

Ja, einfühlsam, also um Einfühlung geht es. Und sehr häufig betrifft es die Gespräche mit den Angehörigen. Ich erinnere mich an eine Frau, eine Tochter, die sagte, ich habe zu Hause überhaupt keine Unterstützung.

Und der war es extrem wichtig, mit mir reden zu können. Sehr häufig sind es auch Gespräche mit dem Pflegepersonal. Und da sind die Erfahrungen natürlich sehr unterschiedlich.

Zum Teil sehr liebevoll und mit sehr intensivem Einsatz. Und zum Teil trifft man niemanden auf dem Gang und kann auch niemanden um Hilfe bitten, wenn es nötig ist. Sehr unterschiedliche Erfahrungen.

Julia Nogli:

Frau Schumacher, ich habe es eben ja bei vielen schon rausgehört. Welche Haltung steht denn dahinter? Also es gibt ja diese Ausbildung, es gibt sie alle mit dieser Erfahrung, allen Alters sogar.

Welche Grundhaltung steht dahinter, überhaupt so eine Tätigkeit zu machen und anzubieten?

Silvana Schumacher:

Also wir sind ja ein christliches Unternehmen und für uns zählen natürlich die christlichen Werte. Was aber nicht heißt, dass wir nur Menschen betreuen, die die Christen sind, die Kirchensteuern bezahlen. Das ist ganz egal.

Für uns spielt das keine Rolle, welcher Religion jemand angehört oder ob gar nicht, wie jemand aussieht, was er für eine Weltanschauung hat, welche Haarfarbe oder wie auch immer. Das spielt gar keine Rolle. Es zählt der Mensch.

Julia Nogli:

Wenn man das so hört, klingt es ja nach einer ganz wichtigen und wirklich schönen Sache. Aber wir haben ja zwei Ehrenamtliche, aber dennoch, sie sind Koordinatoren. Das muss ja irgendwie auch finanziert werden.

Silvana Schumacher:

Wie eigentlich? Ja, also das Herzstück sind wirklich unsere ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Trotzdem kostet das natürlich auch was.

Die Hauptamtlichen, die Koordinatoren müssen bezahlt werden, die Krankenräume müssen gemietet werden. Wir bilden ja auch aus. Auch da entstehen ja Kosten.

Einen Teil bekommen wir von den Krankenkassen refinanziert. Das sind in der Regel ja 90, 95 Prozent. Und ja, das andere Geld, was dann noch offen bleibt, müssen wir halt selbst irgendwie einbringen.

Da sind wir immer sehr auf Spenden angewiesen und das ist ähnlich wie im stationären Hospiz.

Julia Nogli:

Dann ist Ihnen noch ein Punkt wichtig, Trauerarbeit.

Silvana Schumacher:

Das geht ja dann jetzt schon noch darüber hinaus, die Hospizarbeit.

Julia Nogli:

Ja, genau.

Silvana Schumacher:

Gehört ja mit zum Sterben und Tod dazu. Diejenigen, die sterben, sind dann nicht mehr auf dieser Welt. Aber die Hinterbliebenen sind da mit ihren Schmerzen.

Und da bieten wir auch so gerade für die erste Zeit Unterstützung an der Begleitung. Das sind in der Regel Selbsthilfegruppen, die aber auch begleitet werden, auch durch ehrenamtliche Mitarbeitende, die wir speziell ausbilden. Ja, diese Arbeit wird nicht refinanziert.

Das heißt, das ist rein spendenbasiert, dass wir das anbieten können, worüber wir auch sehr, sehr dankbar sind, dass wir das machen können.

Julia Nogli:

Frau Zerbel, am Schluss würde ich Sie, weil Sie mein ältester Gast hier heute sind, fragen wollen, würden Sie einem jungen Menschen empfehlen, eine solche Tätigkeit zu machen? Ja, ja.

Louisa Zerbel:

Es ist eine beglückende Arbeit. Es ist ein befriedigendes Sein. Es öffnet den Geist für das, was auf uns wartet.

Es ist allerdings auch eine Herausforderung. Und junge Menschen, die noch in der Ausbildung sind, die eine Familie gründen, die eine Familie haben, sind häufig sehr absorbiert mit diesem Sein. Und wer dazu noch die Kraft findet, so eine ehrenamtliche Arbeit zu machen, das ist natürlich sehr bereichernd, auch junge Elemente dabei zu haben.

Und die Begegnung zwischen alt und jung oder krank und gesund, das ist etwas, etwas Tolles, etwas Gutes.

Dietrich Werner:

Also für mich ist die ambulante palliative Hospizarbeit eine der wichtigsten Bereiche, wo Einsatz für Menschenwürde und Humanität in dieser Gesellschaft konkret und praktisch gelebt wird. Wir vergessen häufig, dass es eine bisher relativ kurze Geschichte der Hospizbewegung gibt, die ja erst seit den 80er-Jahren ihr Licht sozusagen erlebt hat, durch die frühen Anfänger auch in Großbritannien. Und das Hospiz- und Palliativgesetz von 2015, glaube ich, war das, was diese Finanzierung regelt, ist erst 2015 erlassen und verabschiedet worden.

Das ist alles noch gar nicht so lange her. Und in diesem Bereich, glaube ich, gibt es auch viele Themenfelder, wo man weiter professionell daran arbeiten kann. Für mich ist eine, sind zwei Sachen wichtig, die interkulturelle Öffnung der Arbeit.

Ich habe zum Beispiel mal eine Anfrage jetzt gehabt, Begleitung eines jungen eritreischen Mannes von 19 Jahren und ich entdeckte, dass es einen großen Bedarf gibt, auch im Blick auf Übersetzertätigkeit von Leuten, die sich in dem Bereich Sterben, Tod, Krankheit auskennen und die das aber hin und zurück übersetzen können in den verschiedenen Sprachen. Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft, wir haben ganz viele Menschen mit Migrationshintergrund, aber was es bedeutet, das interkulturell zu spielen und auch Rücksicht zu nehmen auf andere kulturelle Traditionen, das ist noch ein Bereich, glaube ich, wo viel gearbeitet werden muss. Und dann die spezielle Zielgruppe Kinder und Jugendliche.

Es gibt ja eine Kinder- und Hospizbewegung auch und die andere Frage ist die der interreligiösen Öffnung. Also wo hat man verschiedene religiöse Rituale. Ich habe jemanden begleitet, der aus dem Zen-Buddhismus kam und dann ganz überraschend schnell gestorben ist.

Was bedeutet das, Menschen mit solch einem Hintergrund zu begleiten und dabei voll zu akzeptieren, dass sie aus religiösen Traditionen kommen, die nicht unsere eigenen sind. Denn das gehört bei uns dazu, wir akzeptieren die religiöse Prägung von Menschen, mit denen wir arbeiten. Also es gibt viele Bereiche, wo zusätzlich Impulse gefragt sind und das ist ein wachsendes Feld, was große Bedeutung hat in der Gesellschaft.

Julia Nogli:

Sagt Dietrich Werner, auch er ist ehrenamtlicher Sterbebegleiter. Dafür wird man ja, wie wir gehört haben, auch eigens ausgebildet. 30 Jahre ambulanter Hospizdienst, Diakonie Hospiz Wannsee, so unser Thema heute und mehr dazu für Sie zum Nachlesen auf www.paradiso.de, dort auch die ganze Sendung noch mal wie immer zum Nachhören. Einen wundervollen Abend für Sie mit Radio Paradiso.

Die Sendung „30 Jahre Ambulanter Hospizdienst/Diakonie Hospiz Wannsee" können Sie auch hier in der Mediathek von Radio Paradiso anhören.

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