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Was macht die Arbeit im Hospiz für Sie besonders?

Besonders macht die Arbeit, dass es hier um zauberhafte Momente geht, die ich vorher in einem anderen Berufskontext nie hatte. Das sind besondere Situationen, in denen sich unsere Gäste befinden, auch die Angehörigen sind in Ausnahmesituationen. Es geht um Kompetenz, aber auch um Gefühle, um Sicherheit und um Erfüllung kleiner Wünsche, was in anderen Einrichtungen gar nicht möglich wäre. Ein großer Faktor im Hospiz ist Zeit. Nämlich die Zeit am Bett unserer sterbenden Gäste zu verbringen und ihnen den letzten Weg so angenehm wie möglich zu machen. Wir betrachten nicht nur Symptome wie Übelkeit oder Schmerzen, sondern den Menschen ganzheitlich.

Was muss noch geklärt werden? Was gibt es noch zu tun, damit er in Ruhe gehen kann? Das ist mit so viel Emotion verbunden, als ob man manchmal ein Buch liest. Wenn man bestimmte Biografien kennenlernt, hat man so viel Respekt vor dieser Person, die den letzten Schritt bei uns geht, dass man auch selbst motiviert ist, ganz viel zu geben. Damit der Schritt möglichst leicht ist, unsere Welt zu verlassen.

Portraitfoto von Franka Voß, stellvertretende Pflegedienstleiterin im Diakonie Hospiz Woltersdorf
Franka Voß ist „Hospizbotschafterin“ und war bis Ende 2023 Stellvertretende Pflegedienstleiterin im Diakonie Hospiz Woltersdorf. Die examinierte Krankenschwester hat zuvor auf Akutstationen in verschiedenen Kliniken gearbeitet und ab 2010 im Diakonie Hospiz Wannsee ihre Leidenschaft für die palliative Pflege entdeckt. Seit der Eröffnung des Diakonie Hospiz Woltersdorf im Jahr 2019 ist sie nun dort tätig. Und vom Pflegeumfeld im Hospiz überzeugter denn je.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen Ihrer Arbeit im Hospiz?

Immer wieder Abschied zu nehmen, dabei die Balance zu behalten und auf sich selbst aufzupassen - also Selbstfürsorge. Nicht zu viel von sich aufzugeben, so dass man auch für nächste Begleitungen gewappnet ist. Und die ganz alltäglichen Herausforderungen, die jede andere Einrichtung auch hat. Krankheitsausfälle etwa. Dass man dann mit weniger Personal gute Arbeit leisten will und muss. Manchmal muss man dann Prioritäten setzen. Warum man mal im Hospiz angefangen hat, rückt in den Hintergrund, weil die Gegebenheiten dann einfach nicht gegeben sind. Aber man weiß, das ist immer nur eine Welle. Danach kommen wieder andere Phasen und dann wird wieder mit vollem Einsatz begleitet.

Ein großer Halt ist ein tolles Team. Und das ist meistens in einem Hospiz so, das Team besteht aus besonderen Menschen.

Was gibt Ihnen Kraft und motiviert Sie jeden Tag, diese besonderen Herausforderungen im Hospiz und der Palliativpflege zu meistern?

Erst mal vorrangig die Liebe allgemein zu Menschen. Man muss sich für Menschen interessieren, um ihre Person und ihre Biografien. Ein großer Halt ist ein tolles Team. Und das ist meistens in einem Hospiz so, das Team besteht aus besonderen Menschen. Nicht jeder kommt in ein Hospiz. Es wird vorher geschaut, dass Herz und Kompetenz gleichermaßen passen.

Wir geben uns gegenseitig das Gefühl, auf uns aufzupassen. Gerade, wenn es uns selbst mal nicht so gut geht. Das gibt mir immer wieder Kraft. Natürlich muss man auch privat ein bisschen schauen, dass man Kraftquellen hat. Es ist von Vorteil, wenn man ein gutes familiäres Umfeld hat. Wir sind außerdem eingebettet in eine schöne Umgebung, in Woltersdorf ganz besonders. Wir haben hier viel Natur. Ich habe einen Hund, mache Yoga und pflege meine Sozialkontakte. Ich bin voller Demut und Dankbarkeit, dass meine Familie und ich gesund sind. Das wird einem gerade im Hospiz noch bewusster. Ich meckere nicht über den Regen, ich darf durch den Regen spazieren und spüre die Wassertropfen. Für die Menschen, die bei uns liegen, sind solche Spaziergänge meist nicht mehr möglich.

Gibt es ein besonderes Erlebnis aus Ihrem Arbeitsalltag, welches Sie gerne teilen möchten?

Ein besonderes Erlebnis ist bei 13 Jahren im Hospiz schwierig. Aber es gibt Beispiele, die mir sofort einfallen, weil es oft um existenzielle Dinge und Wünsche erfüllen geht. Eine Sache, an die ich oft denken muss, ist eine jüngere Frau mit zwei kleinen Kindern. Sie konnte mit dem Abschied fast besser umgehen als wir, da wir als Mütter besonders emotional beteiligt waren. Wir haben ihr ermöglicht, ein Abschiedsfest im Hospiz zu feiern. Neben der Traurigkeit hatte auch die Fröhlichkeit Platz. Wir haben Cocktails und die Dekorationen gemacht und uns um die Kinder gekümmert. 

Alle ihre Freunde und Familienangehörigen sind gekommen. Es gab ein schönes Essen und den sogenannten letzten Tanz mit ihrem Mann. Das war sehr emotional. Die beiden haben getanzt, es war tolle Musik. Es fühlte es sich so an, als ob ein Frieden über der Situation lag. Es wurde aber nichts verdrängt, sondern dem Tod ins Gesicht geschaut. Für uns war es sehr ergreifend. Ich glaube, privat im Familienkreis wäre man mit der Situation überfordert gewesen. Da wir emotional nicht so beteiligt waren wie ihre Angehörigen, konnten wir alles gut strukturieren und die Feier organisieren. Sie konnten in diesem Rahmen allen Emotionen freien Lauf lassen und Abschied nehmen. Tatsächlich ist sie 24 Stunden später verstorben.

Der Pflege so viel Raum zu geben, ist in anderen Einrichtungen wie etwa Krankenhäusern heute leider oft nicht mehr möglich.

Was zeichnet gute Pflege für Sie aus?

Gute Pflege hat vor allem mit Zeit zu tun und dass die Rahmenbedingungen stimmen. Ich kann wirklich sagen, in einem Hospiz stimmen die Rahmenbedingungen. Unsere Stellenschlüssel sind großzügiger als in allen Pflegeheimen oder Krankenhäusern. Wir arbeiten mit einer guten Besetzung. Nachts ist man für 14 Gäste zu zweit, man ist praktisch nie alleine im Haus. Gute Rahmenbedingungen sind auch, dass ich die Möglichkeiten zu komplementärer Pflege habe.

Wir haben zum Beispiel eine tolle Hightech-Badewanne mit einem LED-Wandbild, das Traumreisen beim Baden ermöglicht. Oftmals haben die Leute seit Monaten nicht mehr das Gefühl gehabt, von Wasser getragen zu sein. Mit Möwenlauten, schöner Musik, Seemannsliedern und Aromadüften gehen Sie dann in die Wanne und werden meistens so ein Fan davon, dass sie das dann öfter tun. Das ist schon besonders in der Pflege. Wenn es gut funktioniert, hat man auch die Zeit dafür, vielleicht auch mit Sekt und Ehemann und kleinen Häppchen. Der Pflege so viel Raum zu geben, ist in anderen Einrichtungen wie etwa Krankenhäusern heute leider oft nicht mehr möglich.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitenden, Vorgesetzten und Ihrem Team im Allgemeinen und wie definieren Sie gute Zusammenarbeit?

Wir erwarten natürlich eine gewisse fachliche Kompetenz. In schwierigen Angehörigengesprächen beispielsweise müssen komplexe Fragen beantwortet werden können. Mir fallen Begleitungen ein, wo Angehörige noch nicht bereit sind, dass die Familienmitglieder die letzte Reise antreten: "Warum bekommt meine Mutter nichts zu essen? Sie müssen sich aber schon mehr kümmern!" Das Team muss gewappnet sein für solche Konflikte, wir wollen begleiten und sachlich erläutern. Es ist wichtig, dass Ruhe in die Situation kommt und wir allen das Gefühl geben, dass hier auf die Gäste aufgepasst wird.

Zuverlässigkeit ist ein lapidares Wort, aber es betrifft so viel. Etwa sich rechtzeitig krank zu melden, wenn man merkt, es geht nicht. Dass man auch mal einen Dienst übernimmt und einspringt. Wie wenn man selber erkrankt oder einen Diensttausch bräuchte. Damit das Geben und Nehmen in einer angenehmen, kollegialen und wertschätzenden Atmosphäre funktioniert. 

Wir bieten auch Supervisionen an. Konflikte, die es ja überall gibt, wo Menschen sind, können dabei nochmal erörtert werden. Wichtig ist, dass es harmonisch und kollegial bleibt. Wir versuchen, eine Fehlerkultur zu leben und offen mit Fehlern umzugehen, die logischerweise überall passieren. Auch sollen die Kolleginnen und Kollegen gerne Fragen stellen bei Punkten, in denen sie vielleicht noch unsicher sind. Damit nichts passiert, was nicht passieren darf.

Wenn Sie Ihre Arbeit in fünf Stichworten beschreiben müssten, welche würden Sie wählen?

Gibt es besondere Arbeitsbedingen die Sie uns mitgeben können? Was macht bspw. Ihren Standort für Sie besonders?

In unserem Haus finde ich die Atmosphäre im Zusammenspiel mit der Umgebung besonders schön. Wir haben unseren Standort nahe der Natur, die Räume sind hell, freundlich und dem Leben zugewandt. Krankheit und Tod sieht man nicht auf den ersten Blick. Die meisten, die in unser Haus kommen, hätten nicht gedacht, dass es so modern, hell und freundlich ist. Alle Räume sind modern und stilvoll eingerichtet.

Ein Alleinstellungsmerkmal sind auch unsere fünf Damen mit Federn und zwei Beinen: Fünf Hühner stolzieren lustig auf unserem Gelände umher. Das ist ein absoluter Magnet. Sie lassen sich streicheln und wenn ich zur Arbeit komme, rennen die Hühner hektisch zum Zaun. Man wird vom ersten Moment an freundlich begrüßt. Überhaupt sind wir sehr tierlieb. Die Gäste, die bei uns sind, dürfen ihre Tiere mitbringen oder besucht werden. 

Wir hatten schon Pferde-Besuch und Hunde sind sowieso gerne gesehen. Die tiergestützte Therapie findet mit unserem Ludwig statt. Ein sehr empathischer Hund, der allen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Selbst Menschen, die mit Hunden nichts anfangen können, haben sich plötzlich in ihn verliebt. Das ist ganz spannend zu sehen. Das ist nochmal eine ganz andere Atmosphäre, wenn ein Hund durch den Raum läuft, einfach mit dem Schwanz wedelt und alle lieb anguckt. Wir haben auch eine tolle Kunsttherapeutin, außerdem eine wunderbare Musik-Therapeutin. Das macht die Arbeit noch interessanter.

Was denken Sie könnte für Pflegekräfte aus anderen Bereichen attraktiv sein, um ins Hospiz und Palliativpflege zu wechseln?

Mir fällt sofort wieder der Faktor Zeit und die Rahmenbedingung ein. Hier haben Hospize fast ein Alleinstellungsmerkmal. Die Stellenbesetzung ist so hoch, dass man nicht getrieben über die Flure rennt und nur seinen Tagesablauf im Kopf hat. Es ist individuell, wann die Leute essen, wann sie gewaschen werden. Man hat viel Spielraum, seine Arbeit gut zu machen und viel Selbstständigkeit.

Auch die Zusammenarbeit mit den Ärzten ist prima. Wir können bei der breit gefächerten Bedarfsmedikation Entscheidungen treffen ohne jedes Mal einen Arzt anrufen zu müssen. Wir helfen uns gegenseitig im Team bei schweren Fällen, beispielsweise Luftnot-Attacken. Dass man Entscheidungen treffen darf, die weitreichend sind und eine große Tragweite haben, stärkt die eigenen Kompetenzen. Was auch immer wieder Motivation gibt, ist Wertschätzung und Dankbarkeit. Sowohl von Seiten der Gäste als auch von Arbeitgeberseite.

Es wird nicht von oben Druck gemacht, sondern es wird darauf geachtet, dass alle Seiten zufrieden sind.

Was zeichnet die Hospize oder die Immanuel Albertinen Diakonie im Allgemeinen als Arbeitgeber für Sie aus?

Wertschätzung wird großgeschrieben. Zum Tag der Pflege, Weihnachten sowieso. Wir haben nicht nur einmal im Jahr ein Feedback von der Leitung, sondern mehrfach. Unsere Team-Tage sind toll. Neulich waren wir Drachenboot fahren mit einem schönen Essen danach. Unsere Weihnachtsessen sind natürlich auch ausschweifend. Es gibt ab und zu Wertgutscheine und auch sonst gibt es immer wieder kleine Aufmerksamkeiten. Häufig im Jahr merkt man, dass sich überlegt wird, wie unserem Team eine Freude gemacht werden kann. 

Das Angebot Supervision habe ich schon erwähnt. Es werden auch Fortbildungen, die über ein Jahr gehen, finanziert. Die Palliativ-Kurse, der Praxisanleiter-Kurs und vieles mehr. Das 13. Gehalt ist auch keine Selbstverständlichkeit. Ein wichtiger Punkt ist auch die Dienstplangestaltung. Jeder Mitarbeiter darf Wünsche äußern und unsere Pflegedienstleitung versucht, die auch so umzusetzen. Es wird so lange gerungen, bis es für alle passt. Da haben wir wieder ein Geben und Nehmen, wenn dann auch in Notzeiten mal eingesprungen wird. Es wird nicht von oben Druck gemacht, sondern es wird darauf geachtet, dass alle Seiten zufrieden sind.

Dass hier alle versuchen, ob Küche oder Geschäftsführer, kleine letzte Wünsche zu erfüllen, ist großartig.

Was möchten Sie uns sonst noch mit auf den Weg geben?

Beim Punkt, was ein Hospiz besonders macht, könnte man ohne Ende aufzählen. In einem Hospiz sind sehr besondere Menschen. Die, die hier arbeiten, sind besonders. Die sterbenden Gäste selber sind besonders, weil sie durch ihr bewusstes Lebensende schon eine gewisse Weisheit bekommen haben. Die Gespräche, die man hier führt, sind meistens tiefgründig. Die Gäste haben häufig eine gewisse Gelassenheit. Dinge, die etwa im Krankenhaus noch eine große Rolle gespielt haben, werden hier gelassener aufgenommen. Es ist spannend, was man für Gespräche mit den Gästen führt und auch mit den Angehörigen. Das ist ziemlich besonders. Es ist das Gegenteil von oberflächlich, wenn man begleitet. 

Ich war auch schon in der Alten Försterei mit einem Gast, der unbedingt noch mal gerne Union spielen sehen wollte. Dass hier alle versuchen, ob Küche oder Geschäftsführer, kleine letzte Wünsche zu erfüllen, ist großartig. Dass man noch mal zur Ostsee fährt zum Beispiel. Oder dann kommt plötzlich ein Pony, weil der Gast gerne nochmal ein Pony sehen wollte. Das ist schon sehr besonders.