Seit 2004 wird in Deutschland am 30. April der „Tag der gewaltfreien Erziehung“ begangen. Laut Deutschem Kinderschutzbund dient dieser Tag der Erinnerung daran, dass die gesamte Gesellschaft die Verantwortung für das gewaltfreie Aufwachsen der Kinder trägt. Zudem sollen Eltern ermutigt werden, ihr Ideal einer gewaltfreien Erziehung Wirklichkeit werden zu lassen.  

Anne-Kathrin Hoelzmann: Gewaltfreie Erziehung basiert auf gegenseitigem Vertrauen

Diplom-Psychologin Anne-Kathrin Hoelzmann leitet das Immanuel Beratungszentrum in Berlin-Marzahn, das psychologische Beratung in Erziehungs- und Familienfragen anbietet. Sie hebt hervor, dass gewaltfreie Erziehung eine Form der Erziehung sei, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert.  "Dieses Vertrauen entsteht, wenn das Gegenüber Interesse hat, mich, meine Art zu reagieren und meine Emotionen zu verstehen. Mich anzunehmen, so wie ich bin. Der Aufbau von Vertrauen ist unabdingbar für ein gelingendes Miteinander zwischen Eltern und Kind und generell zwischen Menschen," betont Hoelzmann.

Voraussetzungen für gewaltfreie Erziehung

Gewaltfreie Erziehung könne gelingen, wenn es gemeinsame Zeit, Rituale und klare Grenzen gebe, so die Expertin. „Kleine Aufgaben, die Ihr Kind bewältigen kann und durch die Ihr Kind stolz ist, eingebunden zu sein, gehören ebenfalls dazu.“ Durch sich zuhören und sich gegenseitig verstehen wollen, sei man auf einem guten Weg, sich gewaltfrei zu begegnen. Vertrauen könne durch den Verzicht von Strafen und dafür durch liebevolles Nachfragen, Zuhören und Verständnis entstehen. „Wir sollten uns immer dessen bewusst sein, dass wir als Erwachsene mehr Macht haben und das Kind uns stets 'ausgeliefert' ist. Es kann nicht von uns weggehen. Es braucht uns zu 100 Prozent. Mit diesem Wissen haben wir eine große Verantwortung und Pflicht, behutsam mit unserer Macht umzugehen.“

Überwinden von psychischer oder physischer Gewalt

Gewalt beginne bekanntlich im Kleinen, so Hoelzmann: „ein strafender Blick, ein verächtliches Zischen, Liebesentzug durch Nichtachtung, Androhung von Strafen, Anschreien oder Schlagen. Auch wenn wir unser Kind auslachen oder zu etwas zwingen, ist das eine Form der Gewalt.“  Bestrafen würde immer noch häufig verwechselt mit Erziehen. Bestrafung zerstöre jedoch Vertrauen  und bedeute immer eine Demütigung für das Kind. Die Expertin: „Bestrafen ist ein Gewaltakt, der dem anderen kein Verständnis gegenüber bringt. Jeder Klaps ist einer zu viel. Das geschädigte Vertrauen kann nur mühsam wieder hergestellt werden.“

Zugleich könnten Kinder mit Liebe auch erstickt werden, das könne gleichfalls eine Form von Gewalt darstellen. „Wenn Eltern es nicht aushalten, dass ihr Kind wütend oder schlecht gelaunt ist, versuchen sie das zu verhindern, indem sie ihm sogleich jeden Wunsch gewähren. Das Kind wird immer weniger in der Lage sein, ein ‚Nein‘ auszuhalten. Wenn das Kind lernen kann, auch unangenehme Gefühle auszuhalten, wird es ihm leichter fallen, schwierige Situationen zu meistern.“

Es sei sehr wichtig, in einem ersten Schritt sich selbst die Ursachen für gewalttätiges Handeln bewusst zu machen, dann könne man sein Verhalten auch ändern. Hier könne eine professionelle Beratung sehr unterstützen. Hoelzmann: „Wichtig ist, die Scham zu überwinden und sich Hilfe zu holen. Man muss das nicht alleine hinbekommen.“

Wo können Familien sich Hilfe holen?

Eltern können sich jederzeit in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle (EFB) anmelden, die in jedem Berliner Bezirk präsent sind. Immanuel Beratung hat diese Beratungsstellen in Berlin-Marzahn, Lichtenberg,  Pankow und Reinickendorf. Hoelzmann: „Meist kommen Eltern oder ein Elternteil zunächst alleine und später gegebenenfalls auch mit dem Kind zur Beratung. Manche Fragen lassen sich gut ohne Ihr Kind klären. Aber auch die vom Arbeitskreis Neue Erziehung herausgegebenen Elternbriefe sind sehr gut und informativ.“  

Zurück